Der erste Lock Down


Am 16. März 2020 ereilte uns aufgrund der Corona Pandemie der erste Lock-Down. Nahezu alle Tagesstätten-Einrichtungen wurden geschlossen und die obdachlosen Menschen standen vor verschlossenen Türen, hatten kaum Informationen über den Virus, keine Masken, keine Desinfektionsmittel oder andere Schutzvorrichtungen.

 

Von Gleich auf Jetzt hatten sie keine Möglichkeit mehr, sanitäre Einrichtungen aufzusuchen, um eine Toilette zu benutzen oder sich die Hände waschen zu können. Die Reeperbahn war gespenstisch leer, denn weder Touristen noch Bewohner noch Pendler waren auf den Straßen anzutreffen. Läden, Kioske, Restaurants – alles wurde und blieb geschlossen.

 

Die meisten Menschen zogen sich in ihre Wohnungen und hinter ihren PCs zurück, Laden- und Barbesitzer ließen die Jalousien herunter oder verriegelten ihre Fenster mit Holzplatten. Nur die Menschen, die auf der Straße lebten, fanden weder Schutz noch die nötige Überlebenshilfe.

 

Unsere Tage waren damit ausgefüllt, Lebensmittelgutscheine und Geldspenden zu verteilen, damit die Menschen sich Nahrungsmittel und anderes kaufen konnten. Sanitäre Einrichtungen auf der Reeperbahn gab es von einem auf dem anderen Tag nicht mehr. Verzweifelte Versuche, auch mit anderen Behörden, mobile sanitäre Einrichtungen aufstellen zu lassen, scheiterten am NEIN der Sozialbehörde Hamburg. Es war unfassbar, welche Szenarien sich auf der Straße abspielten.

 

Polizisten und Straßensozialarbeiter waren auf den Straßen unterwegs und versuchten, obdachlose Menschen mit Ansprache und/oder mit Lunchpaketen zu unterstützen. Sie alle erlebten die Ängste und auch die Hilflosigkeit der obdachlosen Menschen und konnten nur zuhören, nicht helfen. Eine für alle Seiten sehr belastende Situation.

 

Menschen, die durch den Lock-Down ebenfalls in Existenznöte kamen, zeigten trotzdem Solidarität, indem sie eine Versorgung der obdachlosen Menschen mit Nahrung und Kleidung ermöglichten.

 

Unsicherheit bestand auch seitens der Polizeibehörde wie in Interviews von Polizeisprechern deutlich wurde. Allgemeinverfügungen zur Eindämmung des Coronavirus wurden kurzfristig für bestimmte Personengruppen / Einrichtungen geändert, so, dass für obdachlose Menschen erneut keinerlei Aussicht auf eine Änderung der prekären Situation bestand.

 

Unsere Netzwerkpartner waren, ähnlich wie wir, vollkommen hilflos und haben nur noch reagiert. Untereinander haben wir versucht, uns gegenseitig zu unterstützen und wenn etwas positiv an dieser Zeit war, so war es der solidarische Zusammenhalt.

 

In den folgenden Beiträgen lassen wir die Menschen erzählen, wie sie diese Zeit erlebten und welche Auswirkungen sie auch heute noch spüren…..

 


Susanne Groth

Journalistin und Vereinsgründerin von

Leben im Abseits e. V.



Thomas Tessmann

Bünabe (Bürgernaher Beamter)

der Davidwache auf St. Pauli