Steigende Armut, überfüllte Unterkünfte – und die falschen Antworten des Senats

Hamburg gehört zu den reichsten Städten Deutschlands. Gleichzeitig lebt fast jeder fünfte Hamburger in Armut oder ist von ihr bedroht. Das zeigt der aktuelle Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands einmal mehr. Überraschend ist das nicht. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, sieht seit Jahren, dass Armut, Obdachlosigkeit und Verelendung zunehmen. Dass das bestehende Hilfesystem an seine Grenzen stößt, zeigt aktuell die Überfüllung der Obdachlosenunterkunft Pik As.
Dennoch richtet sich der politische Fokus zunehmend auf eine Neukonzeptionierung der Straßensozialarbeit. Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer erklärte dazu:
„Wir finden uns nicht mit der Verfestigung von Obdachlosigkeit ab. Zukünftig werden wir mit einem stärker aufsuchenden, aktivierenden und beharrlichen Ansatz in der Straßensozialarbeit in unserer Stadt arbeiten. Menschen, die auf der Straße leben, werden wir so wirksamer ansprechen und schneller in Hilfs- und Beratungsangebote vermitteln.“
Dieser Ansatz verkennt jedoch das eigentliche Problem. Straßensozialarbeit basiert auf Freiwilligkeit, Vertrauen und langfristigen Beziehungen. Die meisten obdachlosen Menschen kennen die bestehenden Hilfsangebote bereits. Das Problem ist nicht fehlende Bereitschaft, diese anzunehmen, das Problem ist, dass die vorhandenen Hilfsangebote längst nicht ausreichen.
Die aktuelle Situation im Pik As macht dies deutlich. Obwohl die Einrichtung erst kürzlich saniert wurde, ist sie bereits wieder überfüllt. Eine Notunterkunft wird damit zur Dauerunterkunft. Das Problem ist offensichtlich nicht die Ansprache obdachloser Menschen, sondern der Mangel an Wohnraum, Unterbringungsplätzen und langfristigen Perspektiven.
Auch die geplante Neukonzeptionierung hat konkrete Folgen. Straßensozialarbeitende, mit denen wir im Projekt „Vorwärts“ seit Jahren zusammenarbeiten, verlieren ihre bisherigen Stellen oder Zuständigkeiten. Damit verlieren Menschen auf der Straße wichtige Vertrauenspersonen, die sie teilweise über Jahre begleitet haben. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Armut und Wohnungslosigkeit zunehmen, werden gewachsene Beziehungen und bewährte Strukturen aufgebrochen.
Aus unserer täglichen Arbeit wissen wir: Die Nachfrage nach Hilfe ist groß. Vermittlungen scheitern meist nicht an mangelnder Motivation der Betroffenen, sondern an fehlenden Kapazitäten. Viele Menschen würden Hilfsangebote annehmen, wenn ausreichend Plätze und Perspektiven vorhanden wären. Die Überfüllung des Pik As bestätigt diese Realität eindrucksvoll.
Die heutige katastrophale Lage auf Hamburgs Straßen ist kein Hinweis auf Defizite in der Straßensozialarbeit. Sie ist das Ergebnis jahrelanger politischer Versäumnisse beim Ausbau von Wohnraum und Hilfsangeboten. Dass der Hamburger Senat ausgerechnet die Straßensozialarbeit neu ausrichten will, statt die fehlenden Kapazitäten zu schaffen, wirkt wie der Versuch, von den eigenen Versäumnissen abzulenken. Wer Menschen schneller in Hilfsangebote vermitteln will, muss zunächst dafür sorgen, dass diese Hilfsangebote überhaupt vorhanden sind.
Quellen:
Neukonzeptionierung der Straßensozialarbeit: