Unser Jahresrückblick 2021

Liebe Interessenten, Förderer, Unterstützer und Freunde von Leben im Abseits,
ein weiteres Jahr, welches mit der Pandemie behaftet ist und für uns alle Alltägliches zu etwas ganz Besonderem gemacht hat, neigt sich dem Ende. Wir ziehen kurz vor dem Jahreswechsel ein Resümee und lenken den Blick auf die Dinge, die uns in diesem Jahr beschäftigt und bewegt haben.
Gleich zu Beginn des Jahres konnten wir uns mit einer obdachlosen Frau über ihr neues Zuhause freuen. Noch am Silvestermorgen bekam sie ihren Schlüssel für ihre eigene Wohnung. Zu Ende, das Übernachten im Zelt und endlich wieder einen eigenen Wohnungsschlüssel.
Durch Ihre Unterstützung und der vieler anderer Förderer und Sponsoren, der Empathie und dem Engagement von Freunden und Interessierten und der großen Spendenbereitschaft konnten wir nicht nur die Versorgung der Menschen mit Geld und Lebensmittelgutscheinen auf der Straße sicherstellen, sondern ebenfalls einige Menschen in eine Unterkunft mit Einzelzimmern unterbringen und diese bis zum Ende April 2021 auch finanzieren. Einen ganz großen Dank dafür, auch im Namen der obdachlosen Menschen.
Generell können wir sagen, dass die Solidarität und die Spendenbereitschaft seitens der Bevölkerung immens waren. Leider können wir dieses von der Sozialbehörde und der Stadt Hamburg nicht sagen. Trotz Mahnwachen, offener Briefe, diverser Kundgebungen u. v. m. gab es keinerlei Änderungen im Winternotprogramm. Trotz Kälte und einem geschwächten Allgemeinzustand der obdachlosen Menschen blieb die Stadt Hamburg bei ihren Massenunterkünften.
Mehr als 13 Menschen fanden im Winter 2020/2021 den Tod auf Hamburgs Straßen und machten so die Stadt Hamburg zum Vorreiter unter den großen Städten in Deutschland. Eine sehr traurige Bilanz und ein Armutszeugnis für eine der reichsten Städte Deutschlands.
Aufgrund der Pandemie mussten wir alle Veranstaltungen unserer Reihe „Hamburger Dialoge über Obdachlosigkeit“ sowie unsere neue Reihe „Armes, reiches Hamburg – Eine Stadt voller sozialer Kontraste“ absagen. Seit diesem Oktober konnten wir aber wieder mit beiden Veranstaltungen an den Start gehen.
Bildungsprojekte an Schulen waren bis zur Jahresmitte nur im Online-Format möglich. Ende September konnten wir endlich wieder „live“ Projekttage durchführen. Die Bildungsprojekte liegen uns sehr am Herzen, denn Jugendliche sind die Zukunft und hier gilt es frühzeitig zu sensibilisieren, damit ein Umdenken zum Thema Armut und Bedürftigkeit erreicht werden kann.
Gemeinsam mit unserem Netzwerkpartner, Johan Graßhoff, Straßensozialarbeiter Diakonie Hamburg, haben wir mit politischen Vertretern des Bezirksamts Mitte Gespräche über die Obdachlosenproblematik in Hamburg geführt. Ein Thema dabei waren gebührenfreie Ausweise für obdachlose Menschen, denn nur mit einem gültigen Personalausweis können weitere Leistungen beantragt werden. Beschlossen wurde, dass ab dem 1. Mai in einem Pilotprojekt im Bezirksamt Mitte gebührenfreie Ausweise für obdachlose Menschen ausgegeben werden. Ein Housing First Pilotprojekt ist nun ebenfalls in Planung.
 
Glücklich und dankbar sind wir darüber, dass wir ab dem 1. Mai mit Unterstützung großzügiger Spender*innen und Förderer*innen unser neues Projekt „Der Schritt Vorwärts – Ein Weg aus dem Abseits“ starten konnten. Das Projekt organisiert und finanziert die Einzelunterbringung sowie Betreuung obdachloser Menschen für einen Übergangszeitraum in Einzelzimmern im Hotel Schanzenstern Altona. Diese Zeit wird genutzt, um mit Sozialarbeitern aus unserem Netzwerk und den Teilnehmern eine Zukunftsperspektive aufzubauen. Die Vermittlung von Wohnraum ist dabei ein Hauptbestandteil dieser Bestrebung. Das Projekt ist auf unbegrenzte Zeit, also dauerhaft, ausgelegt, da die Tendenz der Armut derzeit steigend ist und ein Ende der Problematik nicht in Aussicht ist. Seit Projektbeginn konnten in relativ kurzer Zeit bereits Menschen in Wohnraum vermittelt werden.
Im Sommer waren unsere Tage während der Hitzeperiode ebenfalls wieder sehr lang. In den frühen Morgenstunden und am Abend haben wir Wasserflaschen und Sonnenschutzmittel an obdachlose Menschen verteilt. Nicht nur die Kälte ist lebensgefährlich für die Menschen auf der Straße, auch die Sonne setzt ihnen immens zu und Dehydrierung, Sonnenbrände oder auch Sonnenstiche sind keine Seltenheit.
Vielen obdachlosen Menschen haben wir auch in diesem Jahr finanziell bei der Beschaffung von Ausweispapieren, Fahrkarten etc. unter die Arme greifen können. Täglich sind wir auf der Straße unterwegs, um nach den obdachlosen Menschen zu schauen, sie ggf. an andere Einrichtungen zu vermitteln oder mit ihnen und erfahrenen Sozialarbeitern den Weg zurück ins Regelsystem zu planen. Auffällig hierbei ist, dass die Menschen auf der Straße stark an Gewicht verloren haben und insgesamt „hinfällig“ werden. Es fehlen die Rückzugsorte in den Tagesstätten und anderen Einrichtungen. Es belastet uns sehr, die Menschen in ihrem geschwächten Zustand auf der Straße zu sehen und zu wissen, dass die kalten und nassen Tage jetzt beginnen werden.
Dieser Winter wird uns alle vor große Herausforderungen stellen, für obdachlose Menschen aber ist dieser Winter noch lebensgefährlicher. Die Stadt Hamburg bleibt, unverständlich für uns, bei der Unterbringung in Massenunterkünften. Lediglich der Standort ändert sich. Noch weiter entfernt von der Innenstadt und „idyllisch“ an der Autobahn – so ist die neue Massenunterkunft des diesjährigen Winternotprogramms. Paradigmenwechsel oder gar eine humane Obdachlosenpolitik bleiben unser Wunschdenken.
Um die Sozialbehörde Hamburg zu einer anderen Wohnungslosenpolitik aufzufordern, suchen wir aber weiter die Gespräche mit den politischen Vertretern in Bezirksversammlungen und Bürgerschaft. Unser Ziel ist es, gemeinsame Anträge und Konzepte an den Hamburger Senat zu verfassen sowie die Öffentlichkeit über die prekären Verhältnisse in der Obdachlosenproblematik aufmerksam zu machen und um Unterstützung für einen erforderlichen Paradigmenwechsel zu bitten.
Bis es aber so weit ist, werden wir täglich auf der Straße sein, um mit Kleidung, Nahrung, finanziellen Mitteln und vor allem mit Zuhören versuchen, den Menschen auf der Straße ein wenig Wärme zu geben. Ihnen allen sagen wir nochmals herzlichen Dank für die Unterstützung in Form von Spenden, Worten und Sachmitteln dabei. Es ist wunderbar, Sie alle bei dieser wichtigen Arbeit dabei zu haben. Danke schön, für Ihre große emphatische und finanzielle Hilfe, für Ihr Engagement sowie Ihr anhaltendes Interesse an unserer Arbeit. Wir hoffen, Sie bleiben auch im kommenden Jahr an unserer Seite.
 
Jetzt wünschen wir Ihnen und Ihrer Familie erstmal einen guten Rutsch sowie ein glückliches und gesundes Jahr 2022.
 
Das Team von Leben im Abseits e. V.

 

P. S. Damit Sie einen Überblick über uns, unsere Projekte und täglichen Aufgaben erhalten,

 

haben wir einen kurzen medialen Beitrag erstellt, den Sie unserem Vereinsvideo finden!

https://www.leben-im-abseits.de/der-verein/