Hamburgs obdachlose Bürger auf der Reeperbahn in der Corona Krise

Seit Mitte März ist das Hilfesystem für obdachlose und bedürftige Menschen nahezu lahmgelegt, denn viele Einrichtungen haben geschlossen oder ihr Angebot stark einschränkt. Durch die fehlenden Touristen auf dem Kiez bleiben auch die Bettelbecher der obdachlosen Menschen leer. Eine fatale Situation! Hinzu kommt die ständige Gefahr, sich mit dem Corona Virus zu infizieren. Obdachlose Menschen gehören aufgrund ihres angegriffenen Gesundheitssystems und Vorerkrankungen zur Risikogruppe.
Auf der Reeperbahn hält nur die Tagesstätten-Einrichtung CaFée mit Herz ihren Betrieb fast wie gehabt aufrecht und weitet die Öffnungszeiten sogar über das Wochenende aus.Die Alimaus verteilt in der Mittagszeit Lunchpakete und ist mit dem Kältebus in der Stadt unterwegs, um Lunchpakete an weitere obdachlose Menschen zu verteilen.
Eine Grundversorgung der obdachlosen Menschen auf der Straße durch die Behörde erfolgt leider nicht. Schnell, unbürokratisch und mit ganz viel ehrenamtlichen Einsatz leistet das Team des Elbschloßkellers am Hamburger Berg eine Versorgung der obdachlosen Menschen und funktioniert kurzerhand die Kneipe, in der obdachlose Menschen viel Zuspruch und auch Unterkunft gefunden haben, in eine Essens- und Kleiderausgabe Einrichtung um. Wenn man will, geht vieles – das zeigt das Team um Daniel Schmidt, Wirt des Elbschlosskellers.
Was jedoch fehlt, sind sanitäre Anlagen wie Toiletten und Duschen. Nahezu zwei Wochen konnten obdachlose Menschen sich weder die Hände waschen, noch Duschen und noch hatten sie eine Möglichkeit, Toiletten aufzusuchen. Ein unfassbar beschämender Zustand in Hamburg!
Der Geschäftsführer des CaFée mit Herz beendete am 27. März diesen unhaltbaren Zustand der fehlenden Toiletten und ließ fünf mobile WCs am Zaun vor dem Eingang zum CaFée mit Herz aufstellen. Nachdem die WCs aufgestellt waren, sagte die Hamburger Sozialbehörde hierfür die Übernahme der Kosten zu! Weitere dringend benötigte WCs auf der Reeperbahn stehen leider bis heute nicht. Ein sehr schlimmer Zustand für die zahlreichen Menschen, die dort ihre Platten haben.
Nach knapp zwei Wochen gab die Sozialbehörde Hamburg am 31. März bekannt, dass sie sich freut, obdachlosen Menschen „schnelle Hilfe“ anbieten zu können. Mit Wirkung vom 1. April Hamburg ist das St.Pauli-Bad für obdachlose Menschen geöffnet und bietet den Menschen dort kostenlose Duschmöglichkeiten an. GoBanyo, Hamburgs Duschbus, erweiterte dieses Angebot und ist direkt vor dem Millerntor im Einsatz. Des Weiteren gab die Sozialbehörde bekannt, dass das bestehende Winternotprogramm bis zum 31. Mai verlängert und die Öffnungszeiten angepasst werden.
Die Corona Krise stellt jeden Menschen vor ungeahnte Herausforderungen. Nur – was trotzdem an schneller, unbürokratischer Hilfe möglich ist, zeigen Ehrenamtler und Initiativen.
Nach mehr als zwei Wochen ein einziges Schwimmbad für obdachlose Menschen anzubieten und dabei von schneller Hilfe zu sprechen – dann noch die Aussage zu treffen, dass grundsätzlich die Versorgung von obdachlosen Menschen durch die staatlich geförderten Einrichtungen gesichert sei, ist aus unserer Sicht sehr befremdend.
Gemeinsam mit anderen Initiativen wie z. B. GoBanyo, Hamburger Gabenzaun und einigen Einzelpersonen wurde in einer Petition an die Stadt Hamburg u. a. die Einzelunterbringung von obdachlosen Menschen in leerstehenden Hotels gefordert. Die Einzelunterbringung in Hotels lehnt die Behörde derzeit ab. Der Grund dafür sei, dass in Hotels keine Beratung der obdachlosen Menschen sichergestellt sei.
Oberste Priorität sollte jetzt der Schutz obdachloser Menschen und nicht die Beratung sein.
Wir sind aufgefordert, den Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten und es drohen bei Verstößen zu Recht Strafen. Bei obdachlosen Menschen weicht man kurzerhand von der gültigen Allgemeinverfügung ab. Wir haben ein Versammlungsverbot, also dürfen nicht mit mehr als einer Person zusammentreffen. Bei obdachlosen Menschen wird auch dieses anders gesehen. Sind mehrere obdachlose Menschen auf einer „Platte“, so gilt es als Familiengemeinschaft!
Wir können den obdachlosen Menschen leider nicht das anbieten, was wir gern möchten. Wir versuchen derzeit, Hotels zu überzeugen, Zimmer an obdachlose Menschen zur Verfügung zu stellen, so, wie es in Mainz, in Wolfsburg und auch in Berlin bereits erfolgt.
Bis dahin unterstützen wir obdachlose Menschen mit Geldspenden, damit sie ihre persönlichen Bedarfe erfüllen können. Viele obdachlose Menschen haben auch Tiere, für die sie einkaufen möchten.
In Gesprächen mit ihnen stellen wir fest, dass viele obdachlose Menschen wegen des Corona Virus auf keinen Fall ins Winternotprogramm gehen werden. Sie haben Angst vor Ansteckung und Quarantäne. Die Menschen übernachten lieber auf der Straße, in Hauseingängen, unter Brücken und anderen Plätzen, weil sie sich so sicherer vor dem Corona Virus fühlen.
Sie berichten von ihrer Unsicherheit, weil ihnen oftmals keinerlei Infos vorliegen. Sie erfahren vieles über die „stille Post“, erhalten aber keine Merkblätter oder ähnliches. Sie wissen nicht, welche Tagesstätten-Einrichtungen geöffnet sind, wo welche Hilfe wie möglich ist.
Die Krise, die durch das Virus Covid-19 entstanden ist, offenbart den Stellenwert, den obdachlose Menschen nicht nur in Hamburg, sondern in ganz Deutschland NICHT haben. Diese Krise trifft die Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, mit aller Heftigkeit. Sie haben kein Zuhause, keinen Schutz, keinen Zugang zu sanitären Anlagen.
Diese Krise zeigt auch deutlich, dass eine Versorgung durch staatliche Stellen weder ausreichend noch durchdacht ist. Bricht die Grundversorgung in ehrenamtlichen Einrichtungen (die keinerlei staatliche Unterstützung erhalten) ein, sieht es für die obdachlosen und bedürftigen Menschen sehr traurig aus!
Wir danken all unseren Spendern, Unterstützern und all den Menschen, die uns helfen, obdachlose Menschen auch in der Corona Krise mit dem Möglichen zu unterstützen. Danke schön für Euren Support und wir werden weiter berichten.